gay crisis.

gay crisis.

… ist ein Gefühl … ist ein Zustand … ist eine politische und gesellschaftliche Problematik.

… lässt sich nach innen und nach außen verstehen.

Es beginnt beim “sich mit sich auseinandersetzen”.

… oder davor? Ich wurde in der Schule Schwuchtel genannt, ohne, dass ich mir dessen bewusst gewesen wäre …

Die erste Krise einer jeden nicht hetero-normativen Person:
”Ich bin anders, gehöre zu einer Minderheit, gehöre nicht zu dieser Gesellschaft.”

Die Konsequenzen werden dir bewusst.

Von nun an wird dein Leben eine vermutlich niemals endende Reihe an Outings beinhalten … gegenüber Freund:innen, Eltern, Arbeitskolleg:innen, allen neuen Menschen, die du kennenlernen wirst … in fast allen Kontexten.

Nicht nur das. Wenn du sagst, dass du auf Männer stehst, werden in den Köpfen umgehend Schubladen geöffnet, wie Schwule auszusehen haben, wie Schwule sich zu verhalten haben … und so weiter.
Du kämpfst also nicht nur mit “oh, er ist ‘anders’”, sondern auch mit “oh, er ist ‘anders’, aber nicht auf die Art, wie ich es von ihm erwarte”.
Jedesmal wenn Menschen dich fragen “Und, wie läufts mit den Mädels”, “Hast du eine Freundin zuhause?” … könnte man irgendetwas antworten. “Geht doch niemanden was an, es zwingt dich doch keiner, dich zu outen.”

Stimmt. Mich zwingt niemand.

Trotzdem bedeutet jede dieser Interaktionen eine erneute Konfrontation mit der Realität von LGBTQI+ Personen - der Tatsache, dass wir nicht in das Weltbild vieler passen … oder das Weltbild der meisten Menschen uns nicht vorsieht … zumindest nicht ganz natürlich.

Mein Herz ging vor nicht allzulanger Zeit auf, als eine Person, die ich kennenlernte, mich gleich zu Behinn fragte: “Und? Hast du einen Freund oder eine Freundin?”
Ich war so überfordert in dieser Situation, dass ich nur mit “Nein” antwortete.

Es mag nicht nach viel klingen, war in diesem Moment aber ein Gefühl von Wärme, Akzeptanz und Offenheit, das erschreckend ungewohnt für mich war. 2025.

… ich schweife ab.

Von nun an wird Dating etwas sein, dass mit einem Risiko einhergehen kann. Ich erinnere mich an eine Story über Taxis, die mit einer Regenbogenfahne queere Menschen anlocken, dann aber nicht ans gewünschte Ziel fahren … gruselig - ein Gefühl von Geborgenheit und Akzeptanz, was missbraucht wird, um queerfeindliche Aktionen umzusetzen.

Hier in Wien, im März 2025, findet eine Reihe an Hassverbrechen gegen LGBTQI+ Personen statt, die wohl niemand für möglich gehalten hätte - ich jedenfalls nicht.

17 schwule Männer werden gezielt ausgewählt, misshandelt, erniedrigt, ausgeraubt, verletzt.
Die Täter sind Teil eines homophoben Netzwerks … eines HOMOPHOBEN NETZWERKS.
Es existiert also in einer mitteleuropäischen Großstadt, einer Kulturhauptstadt, ein Netzwerk, welches sich aus Hass gegen LGBTQI+ gebildet hat.

Ich stoße während meiner Recherche im Zuge dieses Blogs auf weitere schockierende Tatsachen.

Queerfeindliches Mobbing in den Schulen hat in den letzten fünf Jahren um 70% zugenommen … um 70% zugenommen!
(ZIB Artikel vom März 2025)

Diese Situation zusammen mit Donald Trump, der in den USA mehr und mehr Diskriminierung lebt und verbreitet, sowie die Rechte von LGBTQI+ Personen beschränken will, zusammen mit dem Verbot der Pride Parade in Budapest, basierend auf einem Gesetz (!!!), das die Darstellung von Homosexualität vor Minderjährigen verbietet.

… ein, zum Glück vereitelter, Anschlagsversuch auf die Pride 2023 in Wien.

… ein Teilnahmeverbot für Bundestagsmitarbeiter:innen am CSD in Berlin.
… das ausdrückliche Verbot des Genderns in verschiedenen Bundesländern und Institutionen, wie zum Beispiel dem Theater in meiner Heimatstadt in Deutschland … Theater … was ich bisher als einen offenen und sicheren Ort im Kopf hatte …

Warum verbietet man inklusive Sprache und versteckt die zugrundeliegende Menschenfeindlichkeit mit einem fast 150 Jahre alten Grammatik- und Rechtschreibelexikon, welches ohnehin jährlich geupdated wird?!

… ich schweife wieder ab.

Die Akzeptanz deiner selbst bedeutet weiterhin festzustellen, dass die heteronormative Welt, in die du ungefragt geworfen wurdest, nicht deine sein wird.

… festzustellen, dass deine Identität, mit der du geboren wurdest (auch hier ohne dein aktives Zutun), von nun an bedeutet, dass du dich immer und immer und immer wieder outen musst.

Du wirst heteronormativ als cis-Mann erzogen.

… und es passiert, dass du dir bei jeder Person, die dir auf der Straße, im Café, in der Bar, in der Arbeit, im Museum, … die Frage stellst: Freund oder Feind?

Der Begriff “straight acting” kommt mir hier in den Sinn.
Viele LGBTQI+ Personen verhalten sich in der Öffentlichkeit heteronormativ, um keine Anfeindungen erleben zu müssen.
(siehe auch Blogbeitrag: am i okay with being gay? glad to be gay.)

Wenn du in eine, wie auch immer geartete Beziehung kommst, merkst du, dass simples Händchenhalten, sich einen Kuss auf der Straße geben … gefährlich sein kann … dazu führen kann, dass Menschen dich verbal oder körperlich angreifen. Nicht nur auf dem Dorf!

Ich habe erst kürzlich jemanden kennengelernt, der am anderen Ende Österreichs lebt. “Treffen wir uns in der Mitte” bedeutet für mich nicht in erster Linie schöne Natur und österreichische Dörfchen, die wie eine andere Welt wirken, sondern, dass wir uns auf der Straße eher nicht küssen sollten, eher nicht Händchen halten sollten … keine Zärtlichkeiten austauschen sollten …

Also checkst du die Umgebung, bevor du die Hand deines Partners nimmst, oder ihn küsst … lässt die Hand los, bevor du in eine Gasse einbiegst.

Geoutet leben bedeutet auch, dass Menschen deine bloße Existenz oft als Aufforderung wahrnehmen, mit dir zu diskutieren.

“Naja, ich stimme ja nicht allem zu, wofür die LGTBQI+ Community steht.”

“Ich stehe ja schon eher auf ein traditionelles Familienbild.”

“(…) diese komische Parade (…)” (bezogen auf die Pride)

Wieso sehen Menschen, vor allem Heteromänner, meine Existenz als Aufforderung, mit mir zu diskutieren?

Ein weiteres besonderes Phänomen nicht heterosexuellen Lebens ist, dass Menschen dich vor anderen ungefragt outen.

Du bist plötzlich der interessante Mensch an deren Seite.

Ihnen sind die Gefahren, die, ich will schreiben je nach Land … aber das stimmt nicht, damit einhergehen, nicht bewusst.
… ganz zu Schweigen von der Übergriffigkeit, die dieses Fremdouting mit sich bringt.

Oder die andere Richtung - für manche ist es so normal, wenn sie mit dir Reden, dass sie auch vor anderen Kommentare dazu machen, die lieb und lustig gemeint sind, aber eben auch zu einem ungewollten outing führen … Gut gemeint ist nicht gut gemacht.

Der Pride Month konfrontiert mich jedes Jahr wieder besonders deutlich damit, wer ich bin und in welcher Gesellschaft ich lebe.

Über die Hälfte aller queeren Paare meiden es in der Öffentlichkeit, Händchen zu halten.

Ein Fünftel aller LGBTQI+ Personen in Österreich meiden verschiedene Orte - aus Angst vor Übergriffen.(Der Standard: Wo queere Personen bis heute verfolgt werden)

Bevor ich es vergesse: “Heartstopper” auf Netflix ist eine ganz klare Serienempfehlung für alle - LGBTQI+ Personen, weil einfach schön, und alle anderen, weil die meisten Themen und Schwierigkeiten von nicht heteronormativen Personen gut dargestellt werden.

Work in progress.

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